Meine positive Bilanz des Corona Lockdowns

Morgen, am Karfreitag wird der Lockdown 4 Wochen alt. Mittlerweile ist es schön warm, die Obstbäume blühen und aus den süßen Knospen werden starke hellgrüne Blätter. 4 Wochen social distancing, Auseinandersetzung mit neuen Medien, Familie und dem eigenen Ich. Für mich könnte es durchaus noch etwas andauern. Ich erfahre gerade, was Selbstbestimmung wirklich bedeutet, weil ich frei von Terminen und Verpflichtungen bin. Die Zeit, die jetzt da ist, ist die Freundin von Produktivität, Kreativität und Beziehungspflege.

Entschleunigung

Schon durch meine Arbeit mit den Kindern versuche ich stets, weder in meinen Handlungen, noch in meiner Sprache nicht zu schnell zu sein. Denn ja, ich glaube, dass wir immer noch zu schnell für junge Kinder sind, wenn wir glauben, dass wir schon langsam sind. „Rallentare“ heißt mein Wort auf Italienisch und ich finde, dass es sehr schön klingt. Die Entschleunigung, die ich gerade erfahre, zieht sich über mehrere Ebenen.

Mein sonst getakteter Wochenplan findet im Moment nicht statt. Ich arbeite jeden Vormittag entweder im SpielRaum oder im Nest. Wenn ich nach Hause komme, wird gekocht, dann gehen wir meist mit den Hunden raus, danach ein bisschen Büroarbeit. Abends meist wieder ein Termin. GesprächsRaum, Yoga, Italienisch, Chor. Jetzt bemerke ich, wie anstrengend die Arbeitswoche für mich ist. Nun gibt es statt fixer Arbeitszeiten größtenteils freie Zeiteinteilung. Meine Abendtermine sind die gemeinsamen Brettspiele mit meiner Familie. Und die Sonne am Morgen zu grüßen ist noch wunderbarer als am Abend. Diese freie Zeiteinteilung fühlt sich für mich gerade sehr heilsam an. Vor allem, weil ich bemerke, dass ich dadurch produktiver bin als sonst.

Der Druck, Geld zu verdienen ist geringer geworden. Wieso auch? Urlaub ist bereits storniert, Seminare wurden gecancelt oder verschoben und auch sämtliche Familienaktivitäten, wofür Geld vonnöten ist, fallen erstmal flach. Und ja, ich wünsche mir – und dafür schreibe ich es hier auf, um mich jederzeit daran zurückerinnern zu können – dass mir dieses jetzige Gefühl für immer erhalten bleibt. Das Gefühl, genug zu haben, nicht dafür kämpfen zu müssen und das Vertrauen, dass das Leben auf mich schauen wird.

Die Zeit, die ich gewonnen habe, nutze ich nicht nur vermehrt mit meiner Familie, sondern auch ganz gezielt für mich. Nachdenken heißt eine meiner neuen Lieblingsbeschäftigung. Brainstormen mit mir selbst – ein durchaus interessanter Prozeß, der mich weiterbringt, kreative Lösungen hervorbringt, neue Projekte entstehen lässt.

Kreativität und Produktivität

Seit Freitag, dem 13. schien es wirklich allen klar gewesen zu sein, dass es sich nicht um Ferien handelt. Denn heute oder eben in dieser Ferienwoche ist die Stimmung hier etwas anders. Meine Kinder schlafen bis in alle Ewigkeiten, wir kochen erst um vier und auch sonst passiert nicht viel, wir leben alle ein bisschen in den Tag hinein. Und das soll ja in den Ferien auch so sein!

Aber was davor alles hier passiert ist, ist wirklich unfassbar! Wir sind produktiv auf allen Ebenen. Wir sind generell Personen, die zwar schnell Ideen haben und Entscheidungen treffen, dann allerdings ewig brauchen, sie umzusetzen. Weil wir eben immer sehr beschäftigt sind und kaum Zeit dafür zu haben glauben. Und in den Ferien finden wir unsere Motivation dann nicht, denn hallo? – es sind ja Ferien!

In der Coronazeit ist die Wahrnehmung eine andere: Wir haben keine Ferien, es gibt für jeden den ein oder anderen Arbeitsauftrag und ansonsten holen wir das auf, das so lange liegengeblieben ist. Ich habe mein neues (Arbeits)zimmer eingerichtet, hab alte Sachen aussortiert, habe all meine Fachbücher mal wieder durchgesehen und empfinde gerade eine unglaubliche Lust und Freude am Schreiben. Mein jüngster Sohn bricht täglich neu seine Radrekorde, liest Bücher oder widmet sich Nähprojekten.

Es ist Zeit für Dinge, die ich wirklich gerne mache. Sich selbst ein Ziel zu setzen, selbst eine Aufgabe zu suchen, sich einer Herausforderung zu stellen, ohne dass jemand neben dir steht und fragt, ob du schon fertig bist oder wie es geworden ist. Also, ja, ich fühle mich gerade tatsächlich selbstbestimmt und frei in meinen täglichen Tätigkeiten. Gestern habe ich das erste Mal Gnocci selbstgemacht und wisst ihr, wie lecker die waren?

Ich bin täglich draußen, genieße meinen Garten oder gehe in den Wald. Das Bogenschießen habe ich wieder neu entdeckt. Eine meditative Tätigkeit, die Präzision und Schärfe verlangt. Ich liebe es, wie Katniss Everdeen im Garten zu stehen und ins Gelbe (oder zumindest die Zielscheibe) zu treffen. Manchmal suchen wir unsere Pfeile allerdings auch außerhalb des Gartens 😉

Ich bin mir sicher, dass es für mich persönlich auch berufliche Veränderungen geben wird. Wie genau das ausschauen wird, weiß ich noch nicht. Tatsache ist, dass ich den SpielRaum, genauso wie das Betreuen im Nest so gerne mag! Ich sage ja gerne, ich hätte den schönsten Beruf der Welt! Aber das eine oder andere werde ich doch verabschieden, damit wieder Neues entstehen kann.

Beziehungspflege

Die Einschränkungen unserer sozialen Interaktionen haben uns erst ziemlich niedergeworfen. Die plötzliche Unterbrechung des alltäglichen Miteinanders war schwierig für mich und vor allem für meine jugendlichen Söhne. Und anfangs wußten wir ehrlich gesagt auch gar nicht, was wirklich erlaubt ist oder nicht.

Nach den anfänglichen Unsicherheiten ist nun für uns klar: niemand muss auf seine sozialen Interaktionen verzichten. Es gibt nur im Moment andere Möglichkeiten und Wege. Wie ich schon mal geschrieben habe, leben wir hier in einem Dorf am Land, das gerade jetzt unser Luxus ist. Wald, Wiese, Felder, sonst nix.

Ich treffe mich öfter mal mit einer Freundin zum gemeinsamen Spaziergang. Das ist besser, als gemeinsam Kaffee zu trinken und dazu noch etwas Süßes zu essen, oder? Wir umarmen einander nicht, wir küssen uns nicht, wir halten einen Mindestabstand von 1 Meter. Das ist nicht optimal, aber dennoch, wir können uns unterhalten, austauschen und unsere Beziehungen pflegen. Und da gibt es auch die Menschen, mit denen ich wenig Kontakt habe, die mir allerdings sehr wichtig sind. Corona war dann doch ein Grund, sich mal zu melden, Kontakte aufzufrischen und wieder mehr miteinander im Gespräch zu sein.

Nicht zuletzt muss ich erwähnen, wie sehr ich die Zeit, in der mein Mann zu Hause ist, genieße! Wie schön es ist, täglich von ihm das Frühstück aufgetischt zu bekommen! Ich spüre tiefe Geborgenheit und Sicherheit, wenn ich morgens (oder eher am Vormittag) aufwache und schon das Geschirr klimpern höre und Kaffeeduft rieche. Klingt kitschig, oder? Genau das ist es, zu schön, um wahr zu sein…heute habe ich erfahren, dass sein Urlaub doch nicht den ganzen April andauern soll (anfangs wars noch bis Mitte Mai!), sondern nur bis nach Ostern! Naja, die Nachrichten ändern sich gerade Tag für Tag, also warten wir einfach mal ab…

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