freies Spiel, Pikler Pädagogik

Die Spielentwicklung im 1. Lebensjahr

Schon im Säugling besteht ein von Natur aus unversiegbares und immer zunehmendes Interesse für die Welt und für sich selbst.

Emmi Pikler in: „Friedliche Babys – zufriedene Mütter”

Die alltäglichen Tätigkeiten eines Kindes sind das, was wir allgemein als “Spiel” bezeichnen. Das freie Spiel ist die selbstbestimmte Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Umgebung. Es ermöglicht dem Kind, vielfältige Erfahrungen zu sammeln, es macht sich mit seiner Umwelt vertraut, begreift sie. Das freie Spiel ist ein Grundbedürfnis des Kindes und wir wissen, dass es aus entwicklungspädagogischer Sicht nicht vom Lernen getrennt werden kann. Emmi Pikler nennt die freie selbstständige Aktivität ohne helfende Anleitung eines Erwachsenen die “Hochschule der Säuglinge und Kleinkinder”.

0 – 3 Monate: Die eigenen Hände entdecken

Rund um die 10. Lebenswoche entdeckt der Säugling seine eigene Hand. Wie konzentriert und aufmerksam die Hände zuerst einzeln, dann gemeinsam beobachtet werden! Anfangs flattert die eigene Faust noch zufällig ins Gesichtsfeld, doch bald kann das Baby seine Bewegungen kontrollieren. Es bewegt seine Hände so, wie es das später tun wird, mit einem Gegenstand in der Hand. Das Öffnen und Schließen der Faust ist eine Vorbereitung auf das spätere Greifen und Loslassen von Gegenständen. Das Lutschen an der Faust ist eine wichtige orale Sinneserfahrung.

3 – 6 Monate: Erste Gegenstände begreifen

Bevor der Säugling bewußt nach einem Gegenstand greift, interessiert er sich für seine Kleidung. Er zieht an seinem Pulli oder bringt das Bändchen der Hose vor seine Augen. Im Alter von drei bis vier Monaten beginnt das Baby bewußt nach Gegenständen zu greifen, die in seiner Nähe liegen. Anfangs wirken die Greifübungen noch zufällig und unkoordiniert, doch Übung macht den Meister! Mit etwa 5 Monaten erreichen die meisten Säuglinge das ausgewählte Spielzeug schon mit einer zielgerichteten Bewegung.

Nicht alle Gegenstände sind für diese erste Zeit geeignet. Wichtig ist, dass es sich um Dinge handelt, die sich gut ergreifen lassen wie ein Korbball, ein Tuch oder ein Stoffpüppchen. Am Anfang reicht nur einziger Gegenstand aus, der das Interesse des Babys auf sich ziehen wird. Später dürfen es gerne etwas mehr sein, die wir in der näheren Spielumgebung platzieren. Die angebotenen Gegenstände sollten eher weich und leicht sein um eine Verletzungsgefahr zu vermeiden. Ausserdem sollten wir keine Spielsachen anbieten, die unerwartete Geräusche erzeugen, um das Baby nicht zu erschrecken.

6 – 9 Monate:

Die Fingerbewegungen werden immer differenzierter. Wir können beobachten, dass ein Ball anders aufgehoben wird, als zum Beispiel eine Rassel. Das Spiel beinhaltet Übungen des Aufhebens und Wiederfallenlassens, dabei macht das Baby auch Erfahrungen mit Geräuschen und Materialeigenschaften. Mit zunehmender Mobilität kann das Kind nun mit Gegenständen spielen, ohne sie in der Hand zu halten. Während das Baby einen Ball wegschubst, verfolgt es ihn mit seinem Blick und versucht ihn wieder zu sich zu holen.

Nun können wir Spielsachen anbieten, die bereits mehr Gewicht haben. Von Beginn an ist darauf zu achten, dass der Säugling Spielsachen aus verschiedenen Materialien zur Verfügung hat, denn dadurch kommt er zu unterschiedlichen Eindrücken und vielfältigen Erfahrungen. Im SpielRaum kommen nun Ringe, Holzscheiben, verschiedene Bälle, sowie kleine Schüsseln aus Metall und auch Rasseln zum Einsatz.

Beim aufmerksamen Beobachten des Säuglings nehmen wir sowohl wahr, wie ihn neue Dinge sofort interessieren, als auch, dass er sich über lange Zeit, sogar monatelang, gern mit demselben Spielzeug beschäftigt. Durch das wiederholte Spielen mit den gleichen Gegenständen entdeckt er nach und nach immer mehr Einzelheiten an ihnen. Während er das Spielzeug mal mehr aus der Nähe, mal aus größerem Abstand betrachtet un des von oben, von der Seite oder von vorne ansieht, lernt er allmählich, dass der jeweilige Gegenstand auch dann derselbe ist, wenn er gerade nur einen Teil prüft oder wenn er ihn aus unterschiedlichen Entfernungen und verschiedenen Blickwinkeln anschaut.

aus “von den Anfängen des freien Spiels” (Éva Kálló, Györgyi Balog), S.21

9 – 12 Monate:

Das Kind beginnt nun, mit mehreren Gegenständen zu hantieren. Es vergleicht sie und bringt sie mit der Zeit auch in Verbindung. Es schlägt zwei Gegenstände aneinander oder versucht, eines in das andere hineinzustecken. Wir beobachten, dass das Kind mehrere Dinge in eine Schüssel oder in einen Korb legt, bevor es sie einzeln wieder herausnimmt oder gleich alles auf einmal ausleert. Dann sucht es wieder Sachen, die es einander zuordnen kann. Anna Tardos spricht hier vom Anfang des logischen Denkens: Das Kind erfährt Begriffe wie kleiner und größer, innerhalb und außerhalb, zusammengehörig und trennbar.

Mit ca. 11 Monaten beobachten wir häufig das “Geben und Nehmen”-Spiel. Kinder bringen Bälle zur Mama und bieten ihn ihr an, bevor sie ihn wieder zurückverlangen. Sie erfreuen sich an den begleitenden Worten “Danke” und “Bitte” und darüber, dass ihre Einladung zum Spiel solche Freude bereitet.

Nun bieten wir dem Kind also Behälter in verschiedenen Größen an. Große Körbe, in die man sich selbst setzen kann, Kübeln, Becher, Dosen mit Deckeln. Silberschüsseln können Bälle beherbergen und machen gleichzeitig auch wunderbare Geräusche, wenn man sie fallenlässt.

Quelle: Eva Kallo und Györgyi Balog: “von den Anfängen des freien Spiels” (Pikler Gesellschaft Berlin, herausgegeben von Ute Strub und Anke Zinser)

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